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Burggraben der Wogemannsburg in Westerhever © NTS 2020 |
Sturmfluten kennen sie und die Leute leben auf Warften, aufgeworfenen Wohnhügeln, auf denen sie Land Unter notfalls aussitzen. Aber das hier? Am kommenden Vormittag, der Tag sieht schon morgens aus, als ob er längst zu Ende wäre, läuft bereits das Wasser über die Deiche und das Hochwasser kommt erst noch. Immer mehr Wasser läuft über die Deiche, nach und nach sacken sie zusammen; die Flut – sie kennt kein Halten mehr. So oder ähnlich wird es gewesen sein, das Weltenende.
Bald branden die Wellen an die Häuserwände und fressen an der Warft. Wasser im Land und das bis zum Horizont. Und ein Ende ist nicht in Sicht: Weder flaut der Orkan ab, noch läuft das Wasser ab und die nächste Flut ist mit Jähzorn längst auf dem Weg. Das meiste Vieh wird längst ertrunken sein, und wer sich auf sein Hausdach gerettet hat, geht mit diesem unter. Wohnstatt um Wohnstatt bricht zusammen, verschwindet in tobender Flut. In einem Land, das das ihre war, abgerungen vom Meer, und das sie doch so gut versorgt hat. Das doch Wohlstand gebracht hat; den Bauern, den Händlern und Handwerkern, den Herren gutes Geld. Als die kommenden Tage heranbrechen, das Wasser ist noch lange nicht abgelaufen und wird vermutlich wegen des Salzes den Boden auf Jahrzehnte unbrauchbar gemacht haben, ist die Welt eine andere.
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Stein
an der Einfahrt zur Wogemannsburg © NTS 2020 |
Nun verbreiten Raubzüge
Angst und Schrecken. Heimatlose Bauern und Fischer ohne Zukunft und ohne Mittel
tun sich zusammen. Zuerst, um sich zurückzuholen, was sie verloren haben. Bald,
um sich vielleicht ein bisschen mehr zu holen. Die Banden überfallen Gehöfte,
das bisschen, was noch übrig war oder neu aufgebaut wurde und wer zur See
fahren konnte, der enterte wohl manches Schiff. Und sie begingen weitere
Verbrechen, raubten Mädchen und Frauen. Das sagt die Sage, so soll es auf Eiderstedt gewesen sein. Heute eine
Halbinsel, damals noch nicht zusammenhängend, getrennt von Sümpfen und
Wasserläufen. Acht Jahre nach der Flut litten die rechtschaffenen Menschen noch
immer und nun wohl am schlimmsten unter den mörderischen Banden, die man Wogemänner nannte. Im Jahre 1370 war
das Maß voll. Im Auftrag des Herzogs und unter der Führung des Stallers (dem
Amtmann) Ove Hering oder nach anderen Quellen: Owe Herings, bildete sich eine
Bürgerwehr und ging zum Angriff über.
Das Ende des Schreckens. Die Wogemänner hatten ihre Burg dort, wo heute die Kirche und das ehemalige Pfarrhaus von Westerhever stehen, ganz im Nordwesten der heutigen Halbinsel Eiderstedt. Herings und seine Männer zogen los als kleine Streitmacht und schließlich stürmten sie die Burg. Geholfen sollen ihnen dabei die geraubten Jungfrauen haben, verschleppt und gefangen gehalten in der Burg der Bösen – sie öffneten ihren Befreiern das Tor und ließen die Zugbrücke runter. Für die Wogemänner gab es einen kurzen Prozess: 60 von ihnen führte man an die Prielkante und schlug ihnen mit dem Schwert den Kopf ab, warf die Leichen in das ablaufende Wasser eines mächtigen Gezeitenlaufs, der heute Heverstrom heißt. Und die Jungfrauen? Sie wurden vom Thing, der Zusammenkunft leitender und maßgeblicher Leute, rehabilitiert und bekamen ihre Ehre offiziell zurück.
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Kirchturm
St. Stephanus in Westerhever © NTS 2020 |
Es ist ruhig geworden und Zeit, dem Wind zuzuhören und ihn sich
um die Nase pusten zulassen. Noch ist das Wetter angenehm genug, um auf das Rad zu steigen und dorthin zu
fahren, wo einst vielleicht die Wogemänner hausten. Auf nach Westen und an den
Büschen prangen Beeren, sommersatt und saftig, an den Bäumen erstes buntes
Laub. Auch sie erzählen vom Herbst, wenn die Stürme wieder mächtiger übers Land
fegen und die Fluten an die Deiche drücken. Künden von der Zeit, als Legenden
vielleicht lebendig waren, bringen sie nahe. Es ist eine einsame Gegend und die
Türme der Kirchen in den Dörfern weisen den Weg, Eiderstedt ist auch das Land der Kirchen und Kirchtürme. Denn
was die Menschen einst dem Meer abrangen – und in Fluten oft genug wieder
verloren – war bei aller Unbill schon vor langer Zeit ein reiches Land. Man
möge sich Muße nehmen und in die Kirchen schauen, sich die Bilder ansehen, die
auch von dieser Zeit erzählen. Dann und auf den weltenfernen Wegen – unter
Bäumen oder weitem Himmel –, fühlt man sich in der Zeit zurückversetzt.
Die Suche nach dem
Schatz. Deiche sind Geschichtslinien. Immer wieder wird man alte
Deichlinien queren, die scheinbar verloren und ohne Sinn mitten in der
Landschaft stehen. Oder oben auf ihnen radeln wie westlich von Osterhever. Auf
dem alten Deich scheint man über die Landschaft zu fliegen, so weit weg von
allem, so losgelöst, so obendrüber. Hier auf der Grenze zwischen Altaugustenkoog und Neu-Augustenkoog und man ahnt, warum
Deiche auch im Hinterland stehen – sie zeigen an, wo einst das Land aufhörte.
Hier war es einst zu Ende, das Land. Dies war die Grenze, die es zu verteidigen
galt. Und je niedriger sie sind, bisweilen: Je enger um die Dörfer sie gezogen
sind, desto älter sind sie. Einst war Eiderstedt nicht wie heute eine durchgehende
Halbinsel, Utholm und Evershop wurden 1362 zu Inseln und die
Nordereider trennte nach ihrer Entstehung diese Gegend vom Festland. Dort zogen
sie einst vielleicht über Land, schritten durch Sümpfe zwischen den Warften,
den Inseln oder stakten Boote durch Wasserläufe, die das Land noch heute
durchziehen. Und suchten neues Glück nach katastrophaler Flut, die in dieser
Urgewalt noch mal im 17. Jahrhundert zuschlug; die Zweite Große Mandränke. Wer den Goldschatz der Wogemänner finden
will, der muss ihn hier suchen, auf dem alten Eiderstedter Land.
Am Ende des
Regenbogens. Im Westen baut sich eine dunkle Wolkenwand auf, umso kräftiger
strahlt das Laub der Silberpappeln, umso knalliger leuchten die Beeren. Die
flirrenden Blätter geben der Szene irgendwo kurz vor Westerhever etwas
unpassend Heiteres, etwas Verspieltes in diesem herben Land am Meer am Vorabend
eines Sturmtiefs. Denn längst braut sich wieder was zusammen, da draußen auf
See. Man spürt sie längst deutlich, die Nordsee,
man fühlt das Meer. Und auch deshalb ist man der Legende um die Wogemänner
und ihrer stürmischen Zeit ein Stück nähergekommen. Denn nun radelt man wieder
auf einen Hügel, das ist eine Warft, und man ist in Westerhever angekommen.
Sicher, man wird genauer hinschauen; das alte Pfarrhaus, die Kirche, der alte
Platz der sagenhaften Burg gegenüber des Gasthauses. Dort irgendwo. Der
Regenbogen aber, der wurde zuerst unscharf und dann löste er sich auf.
Mehr Geschichte und weitere Informationen über die
Landschaft und Bevölkerung von Eiderstedt: in St. Peter-Ording »Museum Landschaft Eiderstedt« www.museum-landschaft-eiderstedt.de
und in Husum »Nordfriesland Museum Nissenhaus« www.museumsverbund-nordfriesland.de.
Tipps und Anregungen rund um einen Nordsee-Herbst- und
Winterurlaub finden Sie unter: www.nordseetourismus.de